Biografisches Schreiben – „Nur mal probieren!“

Regen prasselt gegen die Fensterscheibe hinter mir, ich sitze am weißen Küchentisch, meine Mutter steht am Herd. In der Pfanne wendet sie dicke braune Würste, so groß wie Auberginen. Um die Herdplatte herum ist alles gesprenkelt von kleinen Fettpunkten, der Dunstabzug röhrt auf Stufe Drei durch die Mittagsruhe. Die Ärmel meines Sweatshirts schiebe ich hoch, meinen Rock habe ich ausgezogen, ich sitze nur in meiner roten Strumpfhose auf dem kühlen Küchenstuhl, vor mir kleine Dampfwolken, die aus dem gelben Kartoffelpüree in die Luft steigen. „Nur mal probieren“ ist die Devise. Ich erinnere, wie das schmeckt. Aber nur wenn ich „wenigstens mal probiere“, gibt es die anderen Würstchen. Welcher Erwachsene hat sich den Quatsch bloß ausgedacht? An seine Kindheit kann sich der sicher nicht erinnern.

Meine Mutter kommt mit der ganzen Pfanne an den Tisch, es blubbert und brutzelt, plötzlich ein stechender Schmerz, ich schaue auf meinen Oberschenkel und ein dunkelroter Fleck breitet sich auf meinem Bein aus, Fett auf meiner Strumpfhose.

Da liegt sie vor mir. Schwarz, prall, der Geruch etwas säuerlich, würzig, ich schaue meine Mutter fragend an, sie sagt: „Na los, einmal aufschneiden!“ 

Ich seufze, setze das Messer an, die weiche Haut gibt etwas nach, die Spannung kann ich bis in den Messergriff spüren. Etwas fester drücke ich, dann schließlich ein leises Ploppen und durch ein Loch in der Haut quillt die schwarze, krümelige Masse heraus. Ab und zu dazwischen ein größerer Brocken, der schrumpelig aussieht – Rosinen. Tief atme ich ein, schneide das Loch etwas größer und lasse die Welle herausbröseln auf meinen Teller. Soviel wie nötig schiebe ich auf meine Gabel – es gibt laut der Erwachsenen ja eine bestimmte Menge, ab der es erst als wirkliches Probieren gilt. Also diese Menge liegt nun da, bereit zum Testen, ich rieche das Säuerliche und Würzige noch deutlicher, schließe die Augen und lenke die Gabel in den Mund. Von innen versuche ich meine Nase zu verschließen, das Riechen einzustellen, dann wird auch das Schmecken weniger. Doch die schwarze Masse ist penetrant, die Krümel schieben sich in jede Zahnlücke, kleben an meinen Wangeninnenseiten, ich öffne meine Augen wieder und spüre, wie sie anfangen zu tränen. Ich möchte schlucken, mein Hals will das Gegenteil, ich versuche meinen Mund zu einem Lächeln zu verziehen, um zu signalisieren „Ja, oh ja – das habe ich jetzt aber probiert, ich schmecke ganz genau…“, dann greife ich zum Glas und spüle die krümelige Pampe mit Wasser herunter. Eine Rosine rutscht an meinen Backenzähnen vorbei, ich fühle, wie sich die Haare auf meinen Unterarmen aufstellen. Nach dem zweiten Schluck Wasser schüttele ich mich und schiebe schnell Kartoffelbrei hinterher. Geschafft. Wieder ein Jahr Ruhe. Ich hasse Grützwurst bis heute.

Schreibaufgabe für Dich:

Denke an ein Essen aus Deiner Kindheit, welches Du besonders ekelhaft oder besonders köstlich fandest.
Beschreibe die Szenerie und den Moment des Essen, Deine Gefühle und Gedanken dabei mit allen Sinnen!

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