Von Matjes, Indien und dem unerschütterlichen Glauben an das Leben

Vom Glauben an das Leben

„Keine Kartenzahlung möglich“ Mist, kaum Bargeld dabei. Ich wühle in meiner Tasche, krame 12,50 Euro zusammen und gehe auf den Eingang zu. Ringsherum flaches Land, Felder, neue Straßen, Schilder, die Autos umleiten und Schilder, die sie stoppen. Mitten in der kahlen Landschaft ein großes Haus, unförmig sieht es aus. Gedrungene Mauern, ein Dach wie eine zu tief in die Stirn gezogene Kappe, ein flacher Anbau, der im Verhältnis größer ist als das ganze Haupthaus. Rote Schindeln, ansonsten viel Blau und Weiß, Fischladenfarben. 

„Fischbrötchen in der Umgebung“ an Neujahr zu finden, ist wie auf eine Tankstelle am Rande einer Landstraße zu hoffen. Doch da ist sie – zwischen Baustellenschildern und frischem Teer ragt das Gebäude heraus. 

Ich drücke die kühle Klinke herunter, es bimmelt neben mir, vor mir ein Tresen mit verschiedenen Fischsorten, ein paar Tische mit Stühlen und Bänken, maritime Deko, Fischernetze, Muscheln, links in der Ecke sitzt ein Seemann aus Holz. Hinter dem Tresen eine Frau, ihr Alter ist schwer zu schätzen, um die Fünfzig, tippe ich. Hellbraune Haare, ein bisschen grau an den Seiten, Zopf, Pony. Groß ist sie, bestimmt 1,75 Meter, sie trägt eine weiße Schürze und eine eckige Brille, durch die mich ungeschminkte Augen freundlich anschauen.
„Moin!“ grüße ich sie.
„Moin! Was darf’s sein?“
Ich schaue auf die Fischbrötchen-Preistafel, zwei Matjes und ein Flammlachs mit Pfeffer sind drin. Sie greift in die Theke und verschwindet nach hinten in die Küche. Ich sehe mich um. Rechts von mir ein durch eine Scheibe abgetrenntes Büro. Darin ein Schreibtisch, den man nicht erkennen kann, da er über die Ränder voll ist mit Zetteln und Belegen, Aktenschränke, ein Telefon. Das sieht nach Arbeit aus und nach einem Chaos, das nur eine Person verstehen kann – und das man auf keinen Fall aufräumen darf, weil man sonst nichts wiederfindet. Der Geruch der geräucherten Fische zieht ein bisschen in der Nase. Nicht schlimm, aber so, dass ich mich doch frage, ob gleich meine Haare und meine Klamotten danach riechen werden.

Sie kommt zurück mit einer Tüte voll Fischbrötchen: „Soooo….!“ Mir fällt etwas ein: „Mensch, ich hab Ihnen gar nicht ein Frohes Neues Jahr gewünscht beim Reinkommen, entschuldigen Sie, total verdaddelt.“
Sie lacht nur und antwortet: „Ach Du, macht doch nix, hab ich auch total vergessen. Ich bin heute schon wieder so im Büromodus, das muss ja alles bald fertig sein.“
Das t bei „fertig“ spricht sie wie doppelt D, ich mag das. Ich zahle – und noch einmal werfe ich einen Blick durch die Scheibe auf die Papierberge, sie folgt meinem Blick: „Oha… das sieht nach Arbeit aus!“, ich greife nach der Tüte und gehe ein paar Schritte Richtung Tür.

„Ja, und da das schnell fertig werden muss, dachte ich – wenn ich eh hier bin, dann kann ich auch den Laden aufmachen“, erwidert sie lachend. 

„Naja, ich muss sagen – Glück für uns, aber für Sie, heute zu arbeiten?“, ich taste nach dem Türgriff.

„Das ist ok, bis zum Elften soll das ja erledigt sein, denn dann geht’s in den Urlaub!“ Sie strahlt. Und sie schaut, als würde sie auf eine Frage warten. Die meisten Menschen suchen nach Antworten. Sie wartet auf Fragen. Ihre Einsamkeit steht neben ihr und schaut mich an.

Kurz der Gedanke an meinen Mann und unseren Hund wartend im Auto, aber beide sitzen trocken und warm – und ich beschließe, die Zeit zu verlangsamen. Meine Hand gleitet von der Klinke und ich drehe mich wieder zu ihr: „Oh, wie schön, Urlaub! Fahren Sie weg?“
„Ja!“, ihre Augen leuchten nun eine Nuance heller, bilde ich mir ein, „am 11.1. sitze ich im Flieger!“ 

Wieder ein Warten. Wieder eine Frage: „Wo geht es denn hin?“

Plötzlich senkt sie die Augen, legt den Kopf etwas schief und zieht die Schultern ein klein wenig nach oben, sie antwortet: „Also ich habe mir da mal was richtig Besonderes gegönnt. Ich war seit 2009 nicht mehr im Urlaub.“ 

Ich schaue sie aufmunternd und fragend an.

„Ich fliege nach Südindien“, sie strahlt.

„Wow! Wie toll!“, entfährt es mir. 

Mit einem Mal steht sie wieder gerade und schaut mir direkt in die Augen. Sie geht um den Tresen herum und steht nun vor mir.

„Ich habe neulich auf Netflix so eine Doku geschaut über die Unterkunft, in die ich auch fahre – und da habe ich mich so gefreut, als wäre ich schon dort.“ 

„Ach, das kann ich gut verstehen, wie schön für Sie, das wird bestimmt ganz großartig!“, antworte ich. 

Sie erzählt weiter: „Weißt Du, mein Mann hat mich 2019 wegen einer anderen verlassen, ich musste in den letzten drei Jahren meine vier Angestellten entlassen, die Baustelle hier um den Laden herum, die schneidet mir immer wieder die Kundschaft ab, die Corona-Auflagen … das waren keine leichten Jahre.“ Sie fährt fort: „Und 2019 habe ich beschlossen, all mein Trinkgeld konsequent zur Seite zu legen, um eine Reise zu machen. Um mal etwas zu machen, bei dem es nur um mich geht. Nicht am Haus arbeiten – das habe ich nämlich von meinen Eltern geerbt – nicht im Laden stehen … nur um mich.“ 

„Was für ein guter Entschluss“, nicke ich ihr zu. 

„Im Oktober habe ich das Geld gezählt – und was soll ich sagen? Ich hatte es zusammen. Es war so viel – ich habe direkt gebucht!“, lacht sie. 

Ich lache mit: „Fantastisch!“ 

„Ja, und ich weiß, das ist alles sehr luxuriös, was ich da mache, ich meine drei Wochen Südindien, aber das ist echt ein Traum …“, sagt sie. 

„Den Sie sich selbst erarbeitet haben“, ergänze ich. „Das ist doch toll! Ich freue mich sehr für Sie!“ 

Sie schaut ohne Ziel an die Decke: „Ja, ich glaube auch nicht, dass die Dinge einfach nur so geschehen, ich meine – vielleicht hält das Leben noch irgendwas für mich bereit.“ 

Tief atme ich ein und betrachte sie. Da steht ein Mensch vor mir, der in den letzten drei Jahren so viele Nackenschläge kassiert hat – und glaubt an das Leben.

„Mit der Einstellung bin ich mir sicher, dass Sie eine fantastische Zeit haben werden, genießen Sie das, wer weiß, was Ihnen dort alles Wundervolles begegnet“

Wir schauen uns einen Moment an. 

„So, nun habe ich aber genug gesabbelt“, sagt sie schnell.

„Ich danke Ihnen für Ihre Geschichte“, erwidere ich.

„Danke“, lächelt sie, „und kommt gut nach Hause – fahrt vorsichtig, die rasen hier manchmal wie die Bekloppten“ 

„Vielen Dank, machen wir. Eine gute Reise wünsche ich Ihnen.“ Es bimmelt neben mir, ich mache einen Schritt raus in die kühle Luft, hinter mir fällt die Tür ins Schloss.

Wenn wir Menschen begegnen, dann treffen wir sie in Räumen. In Räumen mit Wänden wie Drogeriemärkte oder Fischläden, Schuhgeschäfte oder Wartezimmer, aber auch in ihren emotionalen Räumen, ihren Erinnerungen, ihrer Trauer und ihrem Glück. 

Immer wenn uns ein anderer Mensch an seinen Gedanken teilhaben lässt, öffnet er oder sie uns eine Tür und lässt uns herein. Manchmal nur bis in die Diele, manchmal werfen wir einen Blick in den Keller, manchmal sehen wir das ganze Haus. 

Und immer dann, wenn uns jemand etwas von sich erzählt, wenn uns jemand hereinbittet, dann kann Nähe entstehen – wenn wir nur zuhören. Ob mit engen Freunden, Bekannten oder Fremden, wir werden für einen Moment Teil ihrer Geschichte.
Nicht immer bleiben wir für lange, manchmal bittet uns jemand nur ein einziges Mal herein und manchmal bleiben wir nur kurz und schließen danach für immer die Tür hinter uns. Doch jeder einzelne, noch so kurze Schritt über eine Türschwelle in die Geschichte eines Menschen ist kostbar und ist es Wert, dass wir uns die Zeit nehmen, bei ihm zu verweilen und hinzuhören.

Kolumne – Gedankenkiosk

No Vizefreitag, aber einer früher. Passt heute, also wird das so gemacht. Tage wie zweiter Gang und Gas für den fünften, wie Karibik mit warmem Zimtkakao.

Frage mich immer wieder, wieso ich auf Facebook nur noch bekloppte „Vorschläge für dich“ bekomme – nur noch GlamspamOmasApothekenRezepte-Seiten, die irgendeinen Müll posten – beruht das auf meinem Leseverhalten? Also auf nix? Ich lese ja nix mehr, ich klicke nur noch weg. Und dann scrolle ich mich weiter durch die krude Mischung aus Pilszsammelwanderungen und Werbung für ein Michael-Jackson-Musical und kann mich gar nicht entscheiden, worauf ich mehr Bock habe.

Manchmal ist mir die virtuelle Welt fremder als der neue Postbote, der gefühlt nie bei mir hält, sich aber bestimmt genauso oft wie ich immer noch fragt, warum zum Kuckuck die Hausnummer 4 zweimal existiert. Smileys und Bok haben das inzwischen gebucht – das Essen bleibt also warm und an meine Briefe gelange ich früher oder später immer. 

Zurück zum WWW. Dieses Miteinander oder vielmehr Gegeneinander, was ich häufig in den Kommentaren wahrnehme – Menschen, die sich gegenseitig beleidigen, die klugscheißern, dass man ein Schleudertrauma vom Kopfschütteln bekommen könnte, die – anstatt einfach weiterzuscrollen – die Anonymität des Internets nutzen, um ihr hässliches Inneres zu zeigen, alles ungefiltert rauskloppen, was ihnen gerade durch die Nervenbahnen zuckt – war das früher schon so? 

Waren wir einfach weniger im Netz und kam es mir deshalb noch nicht so inflationär vor mit dieser Kommentarinkontinenz? 

Gerade habe ich ein bisschen in meinem alten Blog gestöbert – November 2005 ging der erste Text von mir online. Ein Blog – ey, das war sowas von NEU, das war sowas von OhYeah,-wir-sind-die-Ersten, also man traf sich nach einer Weile des Schreibens in einer gemütlichen Runde im Internet, kaum zu glauben. Schön war das – immer dieselben Nasen, irgendwie kannte man sich gar nicht und dennoch… Freundliche, frotzelige, intelligente Kommentare mal hier oder da, ich kann mich an keine einzige Löschung erinnern. Ich habe ein bisschen Sehnsucht nach diesem Ort. 

Gestern erzählte mir eine Klientin, die Mitte Zwanzig ist, dass sie Sorge habe, dass mit Anfang 40 der Spaß vorbei sei, da ihr jemand in diesem Alter auf einer Feier wehmütig aus seinen Zwanzigern berichtete. Ob das wohl so sei, wenn man älter wird, ob man dann der Jugend hinterhertrauere? 

Kann sein, dass es manchen Menschen so geht. Kann aber auch sein, dass es eher ein Gefühl ist, welches sie vermissen. Ein Gefühl für sich und die Welt um sie herum, dass ihnen in ihrem gegenwärtigen Leben etwas fehlt, was damals da war – Flexibilität, Freiheit, Leidenschaft, Verbundenheit … oder irgendetwas anderes?
Es gilt, genau hinzuschauen, ob wir wirklich eine Alterszahl vermissen oder ob uns ein Zustand abhandengekommen ist, der sich damals gut angefühlt hat.

Ich für meinen Teil erhöhe gerade wieder aktiv die Anzahl meiner Live-Begegnungen mit echt guten Menschen. Positive Energie, die sich gegenseitig beflügelt, Einblicke in Gedanken, Austausch und Kontakt. 

Und vielleicht auch einfach wieder mehr Blog anstatt Insta und Facebook.

Wenn Du Lust hast, ein bisschen was aus „2005 plus“ zu lesen, dann klick doch mal hier:

www.dieschroederei.com

Wonach hast du manchmal Sehnsucht?

Vom Anpacken und Loslassen

Springen, anfangen, durchbeissen, jubeln, Luft holen, Ärmel hochkrempeln, reinschauen, weit blicken, entscheiden – und … loslassen. Die Selbstständigkeit ist ein Konzept, von dem ich vier Jahrzehnte niemals gedacht hätte, dass wir zusammengehören. Das war nicht mein Selbstbild, nicht etwas, von dem ich dachte: „Da bin ich mit allem, wie ich ticke, goldrichtig“. 

Als ich mit fast 43 Jahren vor meinem Textchef im Verlag stand und ihm mitteilte, dass ich kündigen werde, um mich selbstständig zu machen, antwortet er: „Das überrascht mich nicht, Sie sind ja eh ein Freigeist.“

Das wiederum überraschte mich. Kreativ – ja. Impulsiv – ja. Freiheitsdrang – ja, aber diese Sicherheit … die war doch immer wichtiger? Nun ja, inzwischen arbeite ich mit Klient*innen täglich an diesem Thema in meiner Praxis: Manchmal muss man ein paar Jahrzehnte leben und viel Persönlichkeitsentwicklung betreiben, bevor man Prägungen abschüttelt und zu seinem eigenen Kern durchdringt. Und auch danach lebt.

Meine psychotherapeutische Praxis habe ich mir (anfangs neben meiner Arbeit als Redakteurin für Psychologie und Gesundheit) Schritt für Schritt aufgebaut, mit allem, was dazugehört: nebenberufliche Ausbildung, eigene Psychotherapie, Businessplan, Gründungszuschuss, Weiterbildungen in Gesprächstherapie und zum Burnout-Coach, Ausbildung zum NLP-Practitioner und NLP-Master, minikleiner Raum, kleiner Raum, größerer Raum. Zwei Termine pro Woche, zwanzig Termine pro Woche, Erfolg, Stagnation, Verzweiflung, Freude, unbändiger Wille … spät abends noch an den Rechner, am Wochenende die Website, Blogartikel, Buchhaltung. Nein, ich trenne häufig Freizeit und Arbeit nicht, mein Laptop ist im Urlaub dabei – ich würde eingehen, wenn ich Ideen und Texte nicht unmittelbar notieren könnte und daran zwei oder drei Wochen nicht weiterdenken dürfte. Ich liebe meine Arbeit. Und ich liebe meine Familie, meine Freunde, meine anderen Interessen.

Nach ein paar Jahren bildete ich mich weiter zur Schreibtherapeutin und Seminarleiterin für kreatives Schreiben und Poesietherapie – da war die Idee, das Stärkende mit dem Kreativen zu verbinden – und ich sage Euch – Schreiben kann das ganz wunderbar. Der Soulwriters-Club war in meinem Kopf schon lange auf der Welt, das Logo längst entworfen und die Konzepte geschrieben, als ich im Sommer 2022 endlich den ersten Workshop anbot. 

Ich habe eine große Praxis angemietet mit wirklich wunderbaren Räumlichkeiten, ich habe Werbung geschaltet, Reels gedreht, Flyer gedruckt, Aushänge im Stadtteil angebracht, Instagram langsam ausgebaut – die Antwort waren volle Schreibworkshops und tolle Rückmeldungen, wunderbare Begegnungen und großartige Einblicke in die Herzen und Köpfe vieler Teilnehmer*innen. 

Ich könnte ewig so weitermachen. 

Und musste in den letzten Monaten feststellen: Kann ich nicht. 

Möchte ich nicht. 

Als Coach für Burnout-Prävention und Stressmanagement stelle ich fest: Es ist zuviel von dem einen und zuwenig von dem anderen. 

Nicht nur von XY Stunden die Woche möchte ich hier reden, sondern von den gefühlt fünf Hochzeiten, auf denen ich auch gedanklich gleichzeitig tanze – mein Hauptjob, meine psychologische Praxis, mein Roman, mein Sachbuch, an denen ich schreibe, ich begleite eine Sachbuchentstehung, ich mache Einzelschreibcoachings und konzipiere und gebe Schreibworkshops. 

Und ich habe eine Familie, Freunde, einen Hund und zwei Katzen, die ich wirklich gern um mich habe. Ja, die Kinder sind inzwischen Teenager, aber ich möchte mich trotzdem mit ihnen und ihrer Welt beschäftigen und für sie da sein. Am liebsten würde ich in meiner Freizeit noch mehr Klavier spielen, singen, mehr lesen und endlich wieder in eine Malschule gehen – von Sport ganz zu schweigen und gern würde ich auch mal ne Stunde gar nichts machen.
Und wenn da so viele „Ich würde so gern …“ sind, dann muss man sich eigenverantwortlich fragen: „Und warum machst Du es nicht?“ 

Die typische Antwort wäre: „Das geht nicht, dafür habe ich keine Zeit“. 

Und nun der nächste Gedanke: Es ist meine Entscheidung, keine Zeit dafür zu haben. 

ICH gestalte mein Leben – und niemand sonst. Es geht also um Prioritäten, um eine Selbstanalyse (#schönmichzusehen), um Entscheidungen – und die habe ich in der Ruhe der dänischen Landschaft im August getroffen:

Die Schreibworkshops machen mir soviel Spaß, bedürfen aber viel Zeit und Gedanken, was Akquise und Organisation in meinen Räumlichkeiten betrifft.

Also habe ich schweren Herzens entschieden, dass die im September startenden Schreibworkshops die letzten in dieser Art sein werden. 
Ab 2024 biete ich nur noch Schreibworkshops auf Anfrage von geschlossenen Gruppen von privat oder von Firmen an – oder Seminarhäusern, die einen Anbieter für ihr Programm suchen. 

Aus der Seite www.soulwriters-club.de wird in nächster Zeit www.juliaschroedergoeritz.de – um dort alle Aktivitäten rund um meine schreibenden Tätigkeiten zu versammeln.

Ich finde es wichtig, auch als Selbstständige in dem ganzen Insta-Wow-So-Wirst-Du-Trillionär-Ding zu sagen: Ich möchte wieder etwas downsizen, Tempo rausnehmen, gedanklichen Umfang händelbarer machen. Übrigens auch räumlichen.

Meine Praxistätigkeit steht für mich auf der Prioritätenliste ganz vorne und ich merke, dass ich mich darauf wieder mehr konzentrieren möchte. Ich lebe das Privileg eines für mich sehr sinnhaften Arbeitens und möchte die Freude daran behalten – ohne von einem Tun ins nächste zu hetzen. Und um einen meiner Lieblingssätze aus dem Stressmanagement selbst zu leben:
„Ich muss nicht alles machen, was ich kann.“ 

Was das für diesen Kanal hier bedeutet? Los, bucht die letzten Schreibworkshops! 🙂 Haha! Das wäre natürlich super – aber abgesehen davon wird es hier weiterhin Texte und alles rund ums Schreiben geben, nur die Workshop-Ankündigungen, die werden ab Ende Oktober nicht mehr im Content vorkommen.
Also – bleibt doch trotzdem noch ein bisschen hier, ich würde mich freuen.

Foto: Maya Meiners (https://maya-meiners.de)

Über mich – Auflösung 3

Über mich

Mein Herz klopft so laut, die Schlangen müssten wach davon werden. Wir stehen in einem Kellerraum, Boden und Wände sind gekachelt, einige dicke Äste sind verteilt, meine Augen suchen … und finden. „Eine schläft, und da, sie ist wach!“ Rüdiger Nehberg zeigt auf eine riesige Schlange links auf dem Boden. „Die sind eigentlich harmlos, Du darfst nur nicht zulassen, dass sie Dich umwickeln. Wenn sie Dich hat, dann zieht sie sich jedes Mal, wenn Du ausatmest, enger, bis Du keine Luft mehr bekommst. Der Trick ist, sie dann vom Schwanz her abzuwickeln, wir haben das ausprobiert.“ Mit offenen Mündern schauen wir ihn an, dann die Schlange … 

„Möchtest Du?“, er schaut mich aufmunternd an. 

„Was?“, frage ich. 

„Sie einmal um die Schultern nehmen?“

Ich schlucke. Ich mag Schlangen. Aber ich hatte noch nie so eine große direkt vor mir. Dann spüre ich, wie ich nicke, meine Neugier ist größer als alles andere. Noch ein paar Instruktionen bekomme ich, dann fühle ich das Gewicht des Tieres auf meinen Schultern, meinem Nacken, meinen Armen, sie bewegt sich, ich halte sie und taste vorsichtig mit meinen Fingern über ihre Haut. Rauh, trocken, schön. Einen Augenblick noch. Dann wird sie schwer und Rüdiger Nehberg nimmt sie mir wieder von den Schultern. „Gut gemacht“, lächelt er. Mit unserem Interview im Gepäck bedanken wir uns bei ihm, wir haben eine Menge Material für ein richtig gutes Referat – es wird Zeit, den anderen in unserer 8. Klasse von der Bedrohung der Yanomami-Indianer zu erzählen.

Anmerkung: Rüdiger Nehberg starb im April 2020. Er war ein Menschenrechtler, ein Aktivist, der sein Leben dem Einsatz gegen Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeiten verschrieb. Bekannt wurde er für seine spektakulären Aktionen, 1982 machte er sich das erste Mal auf den Weg zu den Yanomami, dem größten, recht isoliert lebenden indigenen Volk Südamerikas, welches durch Goldsucher in ihrer Existenz bedroht wird. In den Achtzigern drangen über 40 000 Goldsucher in ihren Lebensraum ein, töteten, schleppten Krankheiten ein, zerstörten Dörfer. In nur sieben Jahren starben etwas 20 Prozent der Yanonami. 

Im Jahr 2000 engagierte Rüdiger Nehberg sich für ein weiteres Thema: Genitalverstümmelung bei Frauen. Er und seine Ehefrau gründeten Target e.V. Täglich werden 8000 Mädchen und Frauen verstümmelt – Nehbergs Verein kämpft nach wie vor dagegen: https://www.target-nehberg.de/de

Wir hatten damals den Auftrag, ein Schulreferat zu verfassen und stießen auf Rüdiger Nehberg und seinen Kampf für die Rechte der Yanomami-Indianer. Wir durften zu ihm nach Hause kommen, um ihn zu interviewen. Ich erlebte ihn als unglaublich netten, humorvollen, gastfreundlichen Menschen, der uns Schülerinnen diese tolle Möglichkeit gab und uns seine Zeit und einen Einblick in seine Arbeit schenkte.
Ein Jahrzehnt nach diesem Interview sah ich Rüdiger Nehberg noch einmal bei einem Vortrag an der Universität Hamburg. Noch nie habe ich einen Menschen erlebt, der so sehr für das brennt, was er tut, der mit so einer Überzeugung, Leidenschaft und Engagement erzählt und sich einsetzt. Medien berichteten häufig von ihm als „Der muss verrückt sein“, weil er ungewöhnliche Dinge tat (siehe Interview unten). Meiner persönlichen Meinung nach wäre die Welt ein besserer Ort, wenn es mehr Menschen wie ihn gäbe.

Ein interessantes Interview gibt es hier zu lesen:

https://www.spiegel.de/geschichte/ruediger-nehberg-wird-80-ich-habe-es-immer-mit-dem-teufel-gehalten-a-1031228.html

Über mich – Auflösung 2

Über mich

Gefühlt bin ich erst seit gestern wieder Single nach einer neunjährigen Ehe. Ich weiß nicht, wie das geht – daten. Und eigentlich habe ich auch keinen Bock darauf. Doch per Zufall sind wir uns nun über den Weg gelaufen. Nach 23 Jahren.

Auf dieselbe Schule sind wir gegangen, wir fanden uns damals gut – Du Punk, ich Rock, doch zueinander gefunden haben wir nie. 23 Jahre haben wir uns nicht gesehen, und nun steigst Du aus dem Taxi vor Deiner Haustür und ich, wie gesagt – keine Lust auf den Datingtanz beschließe die Flucht nach vorn: 

„Und was ist jetzt? Ich hab keine Lust, auf einen Anruf zu hoffen oder selber Nachrichten zu schreiben, die vielleicht nicht beantwortet werden. Also – wie geht’s weiter, was meinst Du, ganz ehrlich?“ 

Du lachst, schaust mich an und sagst:

„Jetzt? Jetzt heiraten wir!“

Ich lache lauter und denke: „Ich heirate kein zweites Mal. Niemals.“

Fast drei Jahre später stehen wir vorm Standesamt, ich in einem feuerroten Kleid und schwarzen Nägeln, Du im dunklen Anzug mit Totenkopf-Krawatte. Schick sehen wir aus. Unsere Familie und unsere Freunde – alle sind da. Wir tauschen Ringe, in die eine Zeile aus einem Muff-Potter-Song graviert ist. Ein Song, den Du mir ganz am Anfang, im Frühjahr 2015, schicktest: „Das ist jetzt und das ist hier. Und das sind wir.“ 

Über mich – Auflösung 1

Biografisches Schreibratespiel

Hier die erste Auflösung meines kreativen Rateschreibspiels „Über mich“ vom 7. August 2023, die Nummer 5 ist wahr. Und das Ganze begab sich folgendermaßen:

Wieder ein Donnerstag, wieder auf dem Weg in den Kaiserkeller. Ich wohne in einem Stadtteil Hamburgs, der so charmant ist, wie diese dünnen Papierservietten in Eiscafés, die alles verteilen aber nichts aufsaugen. Mein Fiat Panda klappert unterhaltsam, das Autoradio funktioniert erst mit sanftem Fußtritt, es ist 21:30 Uhr, der Wecker klingelt auch die nächsten zwei Wochen um 6, doch ich bin jung und Nächte durchzumachen ist reine Trainingssache. 

Tagsüber bin ich in der Buchhaltungsabteilung der Holsten-Brauerei, die Stunden dazwischen verbringe ich auf der Tanzfläche unter der Erde oder bei Musikproben im Luftschutzbunker. Kurt Cobain ist seit über einem Jahr tot, doch es ist noch immer die Zeit des Grunges, des Alternativrocks, wir haben wilde, gefärbte Haare, karierte Hemden und dicke Boots an und ich bin auf der Suche nach coolen weiblichen Vorbildern und einem norddeutschen Eddie Vedder und versinke in „Reality Bites“.

Die besten Stunden, das sind die, wenn die schwere Tür des Bunkers nachgibt und wir die kühlen Räume betreten, in denen es im Erdgeschoss nach Urin und Muff riecht. Vier Stockwerke hoch, aufschließen – und drei Stunden das Beste der Welt machen: Musik mit Freunden. Schmerzende Arme an Wochenenden – wir schleppen Boxen und Instrumente, laden sie ins Auto, spielen in der Prinzenbar, auf dem Rathausmarkt, im Knust, Marxx … 

Das und der Kaiserkeller – zwei Orte, die meiner Melancholie und dieser immer wieder drängenden Frage „Wo gehöre ich hin?“ ein paar tröstende Antworten anbieten.

Dreißig Minuten später – ankommen auf dem Kiez, das Unmögliche schaffen: einen Parkplatz finden. Treppen runter in den Keller, Jacke beim DJ deponieren, checken, wer da ist, Selter holen, dann rauf auf die Tanzfläche und vier Stunden nur noch zum Trinken und kurz „Hallo“ sagen pausieren: Stone Temple Pilots, Garbage, Smashing Pumpkins, Pearl Jam, Soundgarden, ich bewege mich, ich schwitze, ich fühle jeden Ton, es ist, als polstere die Musik mich von innen gegen alles, was von außen kommen mag. 
Mit Tom, dem DJ, kurz schnacken, auch mal über Musik, auch dass ich Musik mache – ob wir ne CD haben? „Bring doch mal mit“! 

Ein paar Wochen später – wieder ein Donnerstag, alles wie immer, doch der DJ winkt mich ran: „Gefällt mir, spiele ich nachher mal was von, Nummer Sechs?“
Und dann die ersten Töne, das sind wir. „Lie to me“ – ein Song über Wunden und Wut, mein Herz schlägt schneller, es gehen mehr Leute auf die Tanzfläche, ich nicht. Hinter einem Pfeiler stehe ich – meine Stimme auf der Tanzfläche, ich scanne jedes Detail. Jeder Moment ist einmalig in seiner Zusammensetzung aus Tatsachen, Gefühlen, Projektion und Besetzung. Nichts wird sich je wiederholen. Ich schließe meine Augen und nehme ihn mir, diesen Moment, ich betaste ihn, ich präge ihn mir ein – und verwahre ihn an einem sicheren Ort.

Zwei Jahre später renne ich in meinen Doc Martens weg – vom Dasein als kaufmännische Auszubildende, hin zur Uni Hamburg. Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt, das Ding ist abgeschlossen, nicht glänzend, aber ich habe jetzt einen Beruf. 
Ich habe jetzt also einen Beruf, den ich nicht mag und der mir das Gefühl gibt, zu altern bevor ich alt werde und beschließe: das kann es nicht gewesen sein. Also lasse ich den Wunsch meines Vaters platzen, lehne eine begehrte Übernahme dankend ab und studiere Journalistik, Germanistik und systemische Musikwissenschaften. 

Für Journalistik brauche ich ein Praktikum. Radio ist genau mein Ding, Delta Radio zu dem Zeitpunkt vor allem, ich gehe mit Kollegen auf Konzerte, lerne Interviews zu führen, Beiträge zu verfassen, zu schneiden, zu moderieren, treffe bei einer Pressekonferenz George Clooney und Greg Graffin, der Sänger von Bad Religion, hält mir eines Tages lächelnd die Tür auf, als ich Feierabend mache, wieder so ein Moment. 

Das Schönste aber sind die Feierabende mit Kollegen, exklusive Konzerte, Nächte an Bartresen, gute Gespräche, diese ganzen Monate – eine Zeit, in der ich mir, anderen und dem Leben sehr nahe komme, Leichtigkeit und Freude in so Vielem finde. 

Und dann sitze ich im Auto, donnere mein Radio in die Halterung, schlage mit der Handfläche hinterher, bis der Kontakt sitzt. Mein Kollege moderiert eine Sendung für Newcomerbands ohne Plattenvertrag – „Und als nächstes hört Ihr eine Hamburger Rock-Band, Novocane …“ Ich fahre nicht los, ich drehe lauter und lehne mich an die Kopfstütze. 

Ich wünsche mir in dem Moment, das Leben könnte so weitergehen – indem ich Orte finde, an denen ich mich richtig fühle, Menschen, mit denen ich ich sein kann, mit Augenblicken, die für die Ewigkeit sind. Dann drehe ich den Zündschlüssel. Probe fängt in einer Stunde an.

Übung für die Gruppe – Kreatives, biografisches Schreiben

Aaaah, wie schön!! So viele neue Gesichter in den letzten Wochen im Soulwriters-Club – und ich habe festgestellt, dass es kein, aber auch gar kein richtiges „Über mich“ irgendwo gibt. Ihr wisst ja gar nicht, mit wem Ihr es hier zu tun habt! 😎👽🦄

Ich packe in den nächsten Wochen mal was in die Highlights auf Instagram, so einen astreinen Werdegang für alle, die es interessiert – heute hab ich mehr Lust auf ein „Über mich“ gekoppelt mit einem Ratespiel und einem Tipp zum kreativen, biografischen Schreiben in einer Gruppe – also – haste Bock? 
Dann rate mit: Nachfolgend findest Du 7 Informationen über mich und mein Leben. 6 stimmen, eine nicht. 
👉🏼👉🏼Was glaubst Du – welche Info über mich stimmt nicht? (Freunde, Familie, anderweitig Informierte – natürlich nicht mittippen) 
Dein Tipp – bitte JETZT ab in die Kommentare! 

Und wenn Du möchtest – mach mit!! Entweder auch direkt in die Kommentare schreiben – oder schreib einen eigenen Post mit ein paar Infos und einer Lüge über Dich – mit dem Hashtag #unglaublichaberwasbloß

Ich rate auf jeden Fall bei jeder/m mit!
✍🏼❤️😃

  1. Vor zwanzig Jahren tanze ich mit Karl Dall in einem kleinen Club auf der Reeperbahn Polonaise.
  2. Ich finde es grauenhaft, mit ungleichem Besteck zu essen. Wenn ich einen runden, schweren Messergriff und eine Gabel mit eckigem Griff und leichtem Gewicht in den Händen habe, versuche ich, Besteck zu tauschen.
  3. Mit 14 hatte ich mal eine Würgeschlange um meine Schultern – im Terrarium bei Rüdiger Nehberg zu Hause.
  4. Mein Hochzeitskleid im Dezember 2017 war knallrot. In unsere Ringe ist jeweils ein Auszug aus einem Muff-Potter-Song graviert.
  5. Ein Song von der ersten und einzigen CD, die ich mit meiner früheren Band Novocane aufgenommen habe, wurde sowohl im Radio (Delta Radio) als auch im Kaiserkeller (Club, Große Freiheit/Hamburg Reeperbahn) gespielt.
  6. Das großflächige Tattoo auf meinem Rücken hat 6 Stunden gedauert. Im Zentrum ist ein Kolibri, der Optimismus und Leichtigkeit symbolisiert – etwas, was ich immer in (und an) mir tragen möchte.
  7. Seit meinem 5. Lebensjahr habe ich von meinen Eltern keine Geburtstagskarte mehr an „Julia“ adressiert bekommen, stattdessen heiße ich familiär seit 43 Jahren „Emma“. Schon als Kind war ich ein großer Fan von smarten, starken Frauen – Emma Peel war mein Idol – und ich rannte auf kurzen Beinen herum und rief: „ICH bin Emma Peel!!“

Tipp zum kreativen, biografischen Schreiben in der Gruppe:

Jeder macht so eine Auflistung mit sechs (oder mehr/weniger) richtigen und einer falschen Info. Der/die Erste liest laut vor und die anderen geben ihren Tipp ab. Dann wird aufgelöst.
Die/der Nächste macht weiter.
Anschließend schreibt jede/r über einen der wahren Punkte einen kurzen biografischen Text über den Hintergrund dieser Info in der Ich-Form und im Präsenz.

Foto: @mayameiners.fotografie

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Kolumne – Gedankenkiosk

Bild mit Frauenkopf, auf dem viele Bücher liegen, eine Uhr im Hintergrund. Viele Gedanken.

Vizefreitag und zwei Wochen wie Watte mit Wumms, wie Eiswürfel und Chilischoten lutschen im Wechsel. Mein lieber Scholli, was war das denn?

Eben noch lauschig unter Lichterketten und Lampions, dann auf dem Affenfelsen sitzend bei Freunden, mit kühlen Getränken und Grillpizza essend, im nächsten Moment mit einem Bein wie aus Jurassic Park in die Notfallpraxis stampfend und einem Horrorfilm im Kopf, der eher was von „Dr. Frank – nicht drehbare Szenen“ hat. 
Nicht die 16 Stiche hübsch verteilt seien das Problem, erklärt mir die sehr schnell sprechende und agierende Ärztin. Nee, auch keine allergische Reaktion sei das und schaut auf das hochflammende Rot an meinem Unterschenkel. Bakterien haben es sich in meinem Blutkreislauf gemütlich gemacht. 
Die gute Nachricht: Erstmal nur im Bein. Die schlechte: Da bleiben die nicht freiwillig. Also rein mit der Chemie, Füße hoch, Ruhe. Bitte was? „Aber es wartet eine wunderschöne Kreissäge auf mich!“, möchte ich ihr entgegenrufen. Und zwei Konzerte und eine tolle Party – geht das zusammen? Geht es nicht, erklärt sie mir ungerührt. 
Statt Oberfräse und Meißel, Tanz und Bier gibt’s Fernbedienung und Antibiotika, Galgenhumor und Schlaf. Nach zwei Tagen humple ich trotzdem los, ich habe einen Auftrag. Die Black Keys mussten ohne mich auftreten, aber diese Kommode, die will ich bauen, verdammt nochmal! 
Entscheidungen zu treffen kann so anstrengend sein, wie knietief durch Sand zu schlurfen, aber auf die Partybarkasse der @businessmomsnet schaffe ich es einfach nicht. 
Diese Vernunft, die mich in den Partynächten mit Mitte Zwanzig noch selbst beschwipst anzwinkerte und mir ins Ohr hauchte: „Ach komm, scheiß drauf! Bist nur einmal jung!“, sie ist auch älter geworden und hat ihren Job endlich übernommen: „Ey, das geht so nicht mehr. Du musst Dich erholen. Dein Bein sieht immer noch übel aus.“ Jaja. Und dann sitze ich Freitag im MOJA mit einer duftenden Kommode, die hellen Holzstaub hinterlässt – und denke mir: Krass, diese Pläne – können die sich mit dem Leben mal besser absprechen?

Kolumne – Gedankenkiosk

Bild mit Frauenkopf, auf dem viele Bücher liegen, eine Uhr im Hintergrund. Viele Gedanken.

Vizefreitag und eine Woche wie drei Tüten Brausepulver auf einmal im Mund. 

Überschäumend vor Glück ist eine Redewendung, mit der ich was anfangen kann. Ein Moment, in dem alles stimmt, alles so gut ist, dass ich am liebsten den Kopf in den Nacken werfen und einfach nur „JAAAA!!“ brüllen möchte. So so gut, dass es fast weh tut. Menschen, die springen, Menschen, die singen, jeder für sich und doch alle im Einklang. Das kann Musik, und ich bin mir sicher: mein Herz ist aus Rock. 
Vor 32 Jahren hat sich etwas in meiner DNA angesiedelt, was mit einem Ton reaktiviert wird, was mit einem Akkord soviele Emotionen auslöst wie bei manchen Menschen die dritte Runde Titanic mit Céline-Geheule.

Ein bisschen klebrig, sehr muffig und dunkel kann manchmal der schönste Ort sein, wenn „Kiffen verboten“ ist, aber viele betrunken, wenn auch ein schlechter DJ der guten Musik nichts anhaben kann. Dann sind wir in Sicherheit, in unserem Element, wo wir lange jung waren und jetzt langsam alt werden. Graue Haare lösen graue Haut ab, wir sehen gesünder aus, aber nicht mehr elastisch. 
Macht nichts, Hauptsache, der Blick auf die Welt bleibt weit, und ein Verständnis davon, was wichtig ist für ein gutes Miteinander. 
Was braucht es zum Leben? Manchmal orangefarbenes Licht unter Oldschool-Markisen, Katzenfell unter den Fingern und das gute Gefühl, dass die falschen Entscheidungen in der Vergangenheit liegen. 

Wovon wir zehren? Von der Weite des Meeres, guter Luft in den Lungen und Frieden mit dem Hier und Jetzt. Ein Geschenk. Ein Ausschnitt. Wenigstens ein paar Minuten am Tag. 
Viva la Zukunft. 

Zitat des Tages: „Ohne Musik wär’ alles nichts“ – Wolfgang Amadeus Mozart 

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Biografisches Schreiben – „Nur mal probieren!“

Regen prasselt gegen die Fensterscheibe hinter mir, ich sitze am weißen Küchentisch, meine Mutter steht am Herd. In der Pfanne wendet sie dicke braune Würste, so groß wie Auberginen. Um die Herdplatte herum ist alles gesprenkelt von kleinen Fettpunkten, der Dunstabzug röhrt auf Stufe Drei durch die Mittagsruhe. Die Ärmel meines Sweatshirts schiebe ich hoch, meinen Rock habe ich ausgezogen, ich sitze nur in meiner roten Strumpfhose auf dem kühlen Küchenstuhl, vor mir kleine Dampfwolken, die aus dem gelben Kartoffelpüree in die Luft steigen. „Nur mal probieren“ ist die Devise. Ich erinnere, wie das schmeckt. Aber nur wenn ich „wenigstens mal probiere“, gibt es die anderen Würstchen. Welcher Erwachsene hat sich den Quatsch bloß ausgedacht? An seine Kindheit kann sich der sicher nicht erinnern.

Meine Mutter kommt mit der ganzen Pfanne an den Tisch, es blubbert und brutzelt, plötzlich ein stechender Schmerz, ich schaue auf meinen Oberschenkel und ein dunkelroter Fleck breitet sich auf meinem Bein aus, Fett auf meiner Strumpfhose.

Da liegt sie vor mir. Schwarz, prall, der Geruch etwas säuerlich, würzig, ich schaue meine Mutter fragend an, sie sagt: „Na los, einmal aufschneiden!“ 

Ich seufze, setze das Messer an, die weiche Haut gibt etwas nach, die Spannung kann ich bis in den Messergriff spüren. Etwas fester drücke ich, dann schließlich ein leises Ploppen und durch ein Loch in der Haut quillt die schwarze, krümelige Masse heraus. Ab und zu dazwischen ein größerer Brocken, der schrumpelig aussieht – Rosinen. Tief atme ich ein, schneide das Loch etwas größer und lasse die Welle herausbröseln auf meinen Teller. Soviel wie nötig schiebe ich auf meine Gabel – es gibt laut der Erwachsenen ja eine bestimmte Menge, ab der es erst als wirkliches Probieren gilt. Also diese Menge liegt nun da, bereit zum Testen, ich rieche das Säuerliche und Würzige noch deutlicher, schließe die Augen und lenke die Gabel in den Mund. Von innen versuche ich meine Nase zu verschließen, das Riechen einzustellen, dann wird auch das Schmecken weniger. Doch die schwarze Masse ist penetrant, die Krümel schieben sich in jede Zahnlücke, kleben an meinen Wangeninnenseiten, ich öffne meine Augen wieder und spüre, wie sie anfangen zu tränen. Ich möchte schlucken, mein Hals will das Gegenteil, ich versuche meinen Mund zu einem Lächeln zu verziehen, um zu signalisieren „Ja, oh ja – das habe ich jetzt aber probiert, ich schmecke ganz genau…“, dann greife ich zum Glas und spüle die krümelige Pampe mit Wasser herunter. Eine Rosine rutscht an meinen Backenzähnen vorbei, ich fühle, wie sich die Haare auf meinen Unterarmen aufstellen. Nach dem zweiten Schluck Wasser schüttele ich mich und schiebe schnell Kartoffelbrei hinterher. Geschafft. Wieder ein Jahr Ruhe. Ich hasse Grützwurst bis heute.

Schreibaufgabe für Dich:

Denke an ein Essen aus Deiner Kindheit, welches Du besonders ekelhaft oder besonders köstlich fandest.
Beschreibe die Szenerie und den Moment des Essen, Deine Gefühle und Gedanken dabei mit allen Sinnen!

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