Wo ich sein kann

Soulwriters-Club

Ein Text von mir aus einem Schreibseminar, an dem ich 2021 teilgenommen habe. Assoziatives Schreiben – es wurden Worte über die Anreise, die Wahrnehmung, das Ankommen, das Zusammenfügen.

Kommt gut ins Wochenende! ❤️

🖋Wo ich sein kann🖋

Da draußen zerfließe ich in tausend Teile 
Ich atme schneller 
Meine Beine laufen zügig 
Alles habe ich im Blick 
Ach, könnte der Tag doch tausend Stunden haben 
Und ich renne und renne – und meine Gedanken springen auseinander 
Sie rücken in Ecken 
Drängeln sich vorwitzig in meinem Kopf 
Jeder meint, er sei der Wichtigere 
Laut sind sie 
Sie drücken und zwicken, sie zischeln und ermahnen: 
Denk an MICH 
Und dann die Tür, der Raum. Diese Stunden nur für mich 
Ich füge mich zusammen 
Es wird ganz still in mir 
Nur noch eine Stimme, ruhig und klar 
Ein Gefühl wie ein Vakuum aus Warten 
Aus Nervenzellen, die langsam glatt werden und Luft holen 
Ich darf. Ich muss nicht 
Ich trage das Schönste in mir 
Worte sind Freunde, die ich immer um mich haben kann 
Eine natürliche Bewegung, die ihnen innewohnt 
Sie streicheln und trösten, sie wühlen auf und fordern heraus 
Und ich – bin nicht mehr tausend Teile 
Ich lasse Lärm vor der Tür, und das hektische Rauschen 
Und das Müssen
Meine Zeit, mein Leben, mein Weg 
Ich bin wieder hier
Da, wo ich sein kann

– Julia Schröder-Göritz – 

Entschreibe Dich!

„Ja, Authentizität ist heute das A und O. Die Superkraft. Also: Sei ganz authentisch, sei Du selbst. Aber bitte nicht zu sehr. Nur so, dass es für die anderen angenehm bleibt. Pflegeleicht. Bitte nur gute Gefühle. Sei nicht so laut, sei nicht so empfindlich, und Himmel, Arsch und Zwirn – sei doch bitte etwas diplomatisch.“ 

Das alles hast Du so verinnerlicht, dass Du Dich selbst gar nicht mehr so richtig greifen kannst? Dass Du Dich für Deine anstrengende, fordernde Art schon im Voraus entschuldigst? Und wenn jemand auf Dich reagiert, suchst Du den Fehler erstmal bei Dir, Deine Glaubenssätze ballern Dir ständig ins Broca-Areal Deines Gehirns: „Ich bin ja auch etwas kompliziert. Ich war schon immer eher schwierig.“  Mein Vorschlag: Entschreibe Dich. Leg Dich frei, schieb den ganzen Mist mit einem schwungvollen Tintenstrich zur Seite und komm zu Dir selbst, fühl hin, nimm Kontakt zu dem Menschen auf, der Du wirklich bist. Und zeig Dich mit allem, was dazugehört!

Foto: Lisa.Fotios (Instagram-Account), Foto von Pixels.